Aerilaya Lylyl' Hai' Sylvar
…Es war der Tag des Karsel' lyn, der Tag des Feenglüvks. Der Tag, an dem die Elfen den Anfang des Frühlings mit ihren Vettern, den Feenkobolden, Waldwichteln und all den anderen Bewohnern des Waldes zu feiern beliebten. Es war der Tag, an dem sich die Feenwesen auf ihre Verwandtschaft besannen und Frohsinn, Leichtigkeit und Liebe für eine kurze Zeit alle Sorgen verdrängten. Es war der Tag, an dem sich die Elfen vergnügten, sangen und tanzten.
Es war der Tag, an dem Aerilaya Lylyl' Hai' Sylvar das Licht Torils zum ersten Male erblicken sollte. Und es sollte wohl Schicksal sein, welches das Grauelfenkind ausgerechnet an diesem Tage der Heiterkeit nach Fáerun schickte….
Aerilaya wuchs in Nangiyala, einer typischen, wunderschönen Grauelfenstadt in den Graugipfelbergen, auf. Da die Grauelfen eine besondere Vorliebe für alle dauerhaften, unvergänglichen Dinge hegten, bestand Nangiyala größtenteils aus dem Felsgestein der Berge. Trotzdem war es mit keiner anderen Siedlung anderer Bewohner der Graugipfelberge zu vergleichen. Wunderschöne, schlanke Türme mit Rundbogen und anmutigen Reliefs und hohe Gebäude prägten das Stadtbild. Die elfischen Steinmetze, die Nangiyala vor langer Zeit erbauten, verstanden es, jede einzelne Ecke abzurunden und so die Anmut der Bewohner in die Stadt zu übertragen. Des Nachts wurde Nangiyala mit Feenfeuerlaternen erleuchtet, die die wenigen Fremden in der Stadt glauben ließen, sie befänden sich in einer art wunderschönem Märchentraum. Nangiyala bestand aus fünf konzentrischen Ringen, die höheren Gesellschaftsschichten waren an der sicheren Mitte angesiedelt. In den äußeren Ringen lebten die Kastenlosen oder die Angehörigen der niedrigsten Gesellschaftsschichten. Jedoch wie in jeder elfischen Ansiedlung, so gab es auch in Nangiyala keine Armensiedlung oder gar Bettler. Selbst die ärmsten 'Quessir verfügten über ein eigenes Heim, denn dieses schätzten die Elfen Nangiyalas besonders.
Als Bewohner des zweiten Ringes gehörten Aeris Eltern zwar nicht zu der Herrschaftsschicht, jedoch waren sie wohlhabend und angesehen und Aeris Vater Vartan Hai' Sylvar galt als der erfahrenste und beste Tombguard oder Grabwächter der Stadt.
Seine Aufgabe war es, die vielen Krypten und Gruften der elfischen Helden und Edelleute der Gegend gegen Grabschänder und –räuber zu verteidigen. Seine Gruppe von Elitekriegern Nangiyalas war berüchtigt unter den Feinden und berühmt bis zum Hofe Evereskas. Das jüngste Mitglied dieser Gruppe war Faelnor, Aeris ältester Bruder.
Aeris Mutter verließ früh die Familie, um ihren Pflichten als Verteidigerin und Strategin Evereskas nachzukommen. Nur selten sah sie ihren Gatten und noch seltener sah sie Aeri und ihre anderen Kinder.
Je älter Aeri wurde und je länger sie von ihrer Mutter getrennt war, desto mehr wuchs die Wut auf sie. Sie fing an, ihre Mutter dafür zu verachten, dass sie nicht wie die Mütter ihrer Freunde für ihre Kinder da war, wenn sie ihren Rat brauchte oder einfach nur mit ihr reden wollte. Aeri sah nicht, dass Innovindil die Ehre der Familie dadurch emporhielt, indem sie ihren Pflichten nachkam und auch nicht, dass sie fast an der Einsamkeit und der Sehnsucht zu ihrer Familie zerbrach.
So brach Aeri mit 75 Sommern, gerade als sie ihre Jugend antrat, jedweden Kontakt zu ihrer Mutter ab, was ihren Vater und natürlich ihre Mutter selbst in tiefe Traurigkeit stürzte. Die kommenden Jahre, die eigentlich von Frohsinn und Heiterkeit geprägt sein sollten, waren für die junge Elfin die schlimmsten ihres Lebens. Sie war oft verbittert, suchte Einsamkeit statt Gesellschaft und bekam Sorgenfalten.
Am Tage ihres 81. Jahrestages, also in der Blüte der elfischen Jugend, musste ihr Vater Vartan und ihr Bruder Faelnor aufbrechen, denn es gab Gerüchte, es trieben sich seltsame Gestalten an den Gräbern der Herrscherfamilie Dol' Amroth umher.
Bevor die Gruppe um Vartan aufbrach, kam er in Aeris Gemach, um sich von ihr zu verabschieden, wie er es immer tat. Aeri war sehr erbost darüber, dass er und ihr Bruder an ihrem Jahrestag fort mussten und warf ihm allerlei böse Worte an den Kopf bevor sie ihn aus ihrem Gemach warf. Es sollten die letzten Worte gewesen sein, die Aerimit ihrem Vater wechselte…
…Die Grabwächtereinheit, eine 15- Kopf- starke Gruppe, die aus Elitekriegern, Klingensängern und Vartan, dem Kriegsmagier bestand, durchkämmte die Gewölbe. Schleifspuren wie von großen Schlangen waren überall auf dem Boden klar für scharfe Elfenaugen zu erkennen. Vartan war zu erfahren, als das ihm entgehen konnte, dass diese Spuren von einer Gruppe Yuan- Ti erzeugt worden waren, jenen Schlangenartigen, die schon des öfteren vorher versucht hatten, in genau diese elfischen Gräber einzudringen. Nun, jedenfalls waren sie dieses Mal weiter gekommen als jemals zuvor. Vartan hatte jedoch nicht die Absicht, auch nur einen von den Frevlern entkommen zu lassen. Er wunderte sich allerdings, wie in Corellons Namen die Schlangen die vielen elfischen Schutzrunen und Fallen umgehen konnten…
Währenddessen waren nicht weit entfernt von den Elfen an die drei Dutzend Yuan- Ti, unter ihnen Magier und Priester des Seth, dabei, einen uralten Fluch zu befreien, den Fluch des Schlangengottes. Das Elfengrab, welches bereits mehrere tausend Jahre alt war, wurde damals auf einem uralten Tempel des Seth errichtet. Die Gegend wurde verflucht und mit ihr die nächstgelegenste Stadt, Nangiyala. Die Elfen schafften es allerdings mit Hilfe ihrer Gottheiten den Fluch und das Böse zurückzudrängen und zu versiegeln.
Dieses uralte Siegel wurde nun gebrochen. Die Elfen erreichten die tiefergelegene Krypta zu spät. Fünf Seth- Priester zerstörten die Einkerkerung. Hunderte von bösen Nagas und ihren untoten Schwestern überfluteten die Krypta. Vartan versuchte, seine Gruppe zu formieren und die feinen elfischen Klingen sangen ihre tödlichen Hymnen. Schneller und schneller summten die verzauberten Schwerter durch Luft und Feindesfleisch. Blitzstrahl nach Blitzstrahl durchzuckte die Luft. Für einen Augenblick schien es, als hätten die tapferen Elfen eine Chance, die Brut abzuwehren. Doch Vartan wusste es besser.
Dunkelheit überkam ihn und jeden der 15 Elfen, ihre Schreie drangen nicht an die Oberfläche.
Aeri und ihre übrigen Geschwister spürten den Tod ihres Vaters und des Bruders tief in ihrem Herzen. Sie wachten augenblicklich auf und verließen das Haus. Als sie den Hügel hinunter blickten, sahen sie die nahende Dunkelheit, die über die soliden Mauern der äußeren Ringe brandete wie eine schwarze Woge.
Als die Verteidigung der Stadt den ersten Schock verdaut hatte und begann, sich zu formieren, waren die untersten Ringe bereits überrannt.
Es begann eine Schlacht um Leben und Tod, auf Gedeih oder Verderb. Eine Schlacht um die Stadt Nangiyala, eine Schlacht, in der es zu spät war, Frauen und Kinder zu evakuieren. Aeri musste mit ansehen, wie ihre Brüder fielen, wie ihre Schwestern verschleppt wurden.
In dieser Stunde der brutalen Gewalt und Angst sah sie plötzlich ein Wesen, welches sogar für die Elfen überaus geschmeidig und graziös war und welches im hellen Mondschein auf sie zukam. Der Jaguar bahnte sich beißend und fauchend seinen Weg zu der jungen Elfin. Aeri hatte keine Angst, auch wenn die Großkatze ebenso groß war wie sie selbst.
Ohne zu wissen, was genau sie tat, schwang sie sich auf den starken, muskulösen Rücken des Panthers. Geschwind wie die Sommerbrise stob die Katze Richtung Südtor, vorbei an den letzten Verteidigern der Stadt, vorbei an den Schlangenartigen, deren Antlitz sich in das Gedächtnis Aeris' brannte.
Wie durch ein Wunder fand keine Nagaklaue, kein Yuan- Ti- Pfeil und kein Blitzstrahl die Fliehenden und bald ließen sie Nangiyala hinter sich. Aeri weinte die gesamte Reise über, bis es keinen Tropfen Flüssigkeit mehr in ihr zu geben schien.
Die Reise führte weit nach Westen, so weit wie Aeri noch niemals zuvor von ihrer Heimat fortgewesen war, in die Stadt Dolchfurt, nur wenige Meilen östlich der Schwertküste gelegen. Die kaum erschöpfte Katze setzte Aeri behutsam an einem sehr auffälligen Gebäude inmitten der Stadt ab und war so schnell verschwunden, dass sie nicht mal mehr Danke sagen konnte.
Sie stand zweifelsohne an einem Tempel, so viel war sicher. Zwei Symbole prangten über dem großen und einladenden Eingangsportal: der Kopf einer Katze mit zwei goldnen Ohrreifen und ein sinnlicher, zum Kuss geformter Mund.
Aeri fror und war hungrig, außerdem musste sie ruhen. Sie hoffte, dass sie sich nicht mehr verteidigen musste, obwohl sie ihre Dolche dabei hatte. Die Dolche waren ein Geschenk ihres Vaters zu ihrem 75. Jahrestag gewesen und waren aus feinstem elfischen Silber geschmiedet. Sie waren krumm geschmiedet und etwas kleiner, aber dadurch auch etwas flinker als andere Dolche. Außerdem waren sie das Einzige, was Aeri von ihrer Heimat blieb. An diesem Abend hätte Aeri es allerdings nicht mal mehr mit einem Wachhund aufnehmen können. So erschöpft war sie. Also klopfte sie an dem Löwenkopf, der als Türklopfer fungierte. Es dauerte einen Augenblick, dann wurde die schwere Tür geöffnet. Eine wunderschöne, schlanke Menschenfrau öffnete das Tor. Sie war äußerst leicht bekleidet, was Aeri allerdings nicht störte, da Elfen im Allgemeinen ohnehin mit Nacktheit anders umzugehen pflegten als andere Rassen.
"Willkommen Aerilaya Lylyl' Hai' Sylvar aus Nangiyala. Wir erwarteten euch bereits", sagte die Dame mit einer wohltuenden, melodischen Stimme. "Ihr befindet euch im heiligen Tempel der Sharess, der Göttin der Heiterkeit und Lust und der Patronin der Katzen." Nach diesen Worten brach Aeri zusammen, gleichermaßen von Trauer und Erschöpfung übermannt….
Einen Monat lang trauerte Aeri derart, dass sie in ihrem eigens für sie elegant hergerichteten Gemach völlig allein sein wollte. Sie ließ die Priesterinnen und Gefolgsleute der Göttin nicht an sich heran und verschloss die Tür. Sie öffnete sie lediglich, wenn der Hunger sie zu übermannen drohte.
Als der Monat um war, stellte sie sich Lespara, der Frau, die ihr einst Einlass in den Tempel gewährte, zum ersten Male vor. Lespara hörte sich auch Aeris Geschichte an und sie teilte Aeri mit, dass es Schicksal gewesen sein muss, dass sie ausgerechnet in diesem Tempel abgesetzt wurde. Aeri nahm kurz darauf am täglichen Leben im Tempel teil und bald fand sie Gefallen an der lockeren und heiteren Atmosphäre und Lebensweise der Priesterinnen und Klerikerinnen. Anders als in anderen Tempeln wie dem Tempus- Schlachtenhaus auf der anderen Straßenseite, gab es im Haus der Lust keine feste Tagesordnung. Jedes Mitglied konnte so lange schlafen, wie es ihm beliebte. Gebetet wurde zu keinen festen Zeiten. Nur das Abendessen wurde gemeinsam an der großen Tafelrunde eingenommen. Dies war auch der Zeitpunkt und Ort, an dem die 22 Gefolgsdamen des Tempels ihre Erfahrungen und Ziele austauschten. Meist bestanden diese Erfahrungen aus den Erlebnissen des Vorabends. Aeri lernte schnell, dass sich hier niemand der äußerst hübschen Damen dafür schämte, sich mit mehr als einem Manne einzulassen oder Männer ohnehin nur als süßen Zeitvertreib ansahen.
Im Tempel wurde sehr viel gesungen, getanzt und musiziert. Da dies sehr in der elfischen Natur lag und besonders in der Aeris', integrierte sie sich schnell in die eingeschworene Schwesternschaft im Tempel. Von Lespara bekam sie alsbald eine wunderschöne Harfe, die ihr Lieblingsinstrument war und die sie seit ihrer Kindheit zu spielen beherrschte. Sie ging immer öfter abends mit den Anderen aus, in die umliegenden Wälder, in Tavernen oder andere Etablissements. Aus der verbitterten, traurigen Aeri wurde eines der fröhlichsten Mitglieder des Tempels.
Als Aeri fünf Sommer im Hause der Lust wohnte, wurde sie von Lespara in ihre Kemenate zitiert. "Es ist nun Zeit, Aeri. Du bist längst eine von uns. Nun wirst du den wichtigsten Schritt tun." Sie überreichte Aeri ein heiliges Symbol der Gottheit, die Aeri so verehrte und liebte, ein Amulett der tanzenden Maid.
Von nun an verbrachte Aeri viel Zeit mit Lespara, die sie in Religion, klerikaler Magie und den Pflichten der Priesterschaft unterwies.
Und Aeri begann, neugierig zu werden. Sie studierte neben dem Tagespensum auch die anderen Religionen Torils und der alten Reiche. Sie besuchte in Dolchfurt die Tempel von Tempus. Milil und Shar und bildete sich ihre eigene Meinung.
Oft sah man sie nun auch ihre körperlichen Fähigkeiten weiter trainieren. Ohne Unterlass übte sie mit ihren Krallen, den Wurfdolchen, mit denen sie allmählich beachtliche Fertigkeit erlangte.
Allmählich drang allerdings auch trotz der Leichtigkeit und Freude des Lebens der Schmerz durch, den sie bisher so erfolgreich zu verdrängen vermochte, der Schmerz über den Verlust ihrer Familie. Sie begehrte mehr und mehr zu wissen, was aus ihren Schwestern geworden war, wahrscheinlich waren sie tot, aber wer konnte das schon genau wissen?! Alles, was Aeri in Dolchfurt erfahren hatte, war, dass Evereska die Angreifer aus Nangiyala vertrieben hatte, dass jedoch die Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde und kein Stein mehr auf dem anderen stand. Irgendwann wurde das Bedürfnis, auf die Suche ihrer Schwestern zu gehen, so stark, dass sie beschloss, aufzubrechen. Sie spürte die Macht der Göttin in sich immer stärker werden und fühlte sich stark genug, allein loszuziehen.
Lespara spürte, dass Aeri rastlos wurde, Eines Abends trat sie an sie heran : "Du hast Fortschritte gemacht, Aeri. Du lernst schneller als jede Novizin, die ich je kennen lernen durfte. Die Macht ist stark in dir, du bist talentiert. Wahrhaftig stehst du wohl höher in der Gunst der Göttin als irgendjemand anders in diesem Tempel. Außerdem bist du eine gute Freundin geworden.
Trotzdem kann ich dich noch nicht entlassen in die Weiten Faeruns oder wohin auch immer dich der Weg der Göttin führt. Dir wird eine wichtige Queste auferlegt, die meisten kehren nicht von ihr zurück. Wie du weißt, sind Sharess und der Schlangengott Seth seit Anbeginn der Zeit Urfeinde. Deine Mission ist es nun, einen Tempel des Seth ausfindig zu machen und das heilige Symbol eines Priesters zu beschaffen. Viel Glück, Schwester."
Schon am nächsten Tage, nachdem am Abend zuvor in der Festhalle der Dame eine große Feier stattgefunden hatte, brach Aeri frohen Mutes auf. Zunächst begab sie sich zu einem Bekannten, Dolchfurts Herrn der Schlachten und Hohepriester des Tempusschreins zu Dolchfurt Baergon Blauschwert, mit dem sie vor einiger Zeit einmal eine Nacht verbracht hatte ( und keine unangenehme ). Baergon war Halbelf und eine wandelnde Bibliothek, was Tempelkunde anbelangte und so konnte er Aeri schnell den ungefähren Standort des nächstgelegenen Seth- Tempels erklären. Wenig südlich des vergessenen Waldes, östlich des Chelimber. Moores sollte es einen Wallfahrtsort für Jünger der Schlange geben….
Also machte sich Aeri auf den Weg. Jeden Abend vor der Nachtruhe versuchte sie ihre Göttin anzurufen und die langersehnte Magie endlich nicht mehr nur zu spüren, sondern sie auch anwenden zu können. Doch vergeblich, es wollte nicht gelingen. Stattdessen spielte sie Harfe und sang und tanzte um die Lagerfeuer.
Eines Abends, Aeri rastete am südlichen Waldrandes des Südwaldes, hörte sie plötzlich eine Panflöte, die schnell in das Lied ihrer Harfe einstieg. Aus dem Waldrand flog ein kleines Wesen, es konnte nicht größer als einen Fuß und einen Halben sein, welches Aeri sofort als Feenkobold erkannte.
"Mein Name ist Filvendor Leichtfuß und ich bin der Herr dieses kleinen Waldes. Mit wem habe ich die Ehre, geschmeidige Elfe?" – " Ich grüße euch, Herr Leichtfuß. Selbstverständlich seid ihr der Herr dieses Waldes. Mein Name ist Aerilaya Lylyl' Hai' Sylvar und ich komme aus Dolchfurt. Es wäre mir eine Ehre, wenn ihr euch zu mir gesellen und mit mir musizieren würdet."
Und sie musizierten die ganze Nacht, Aeri freute sich über den lebenslustigen Kerl und genoss die Gesellschaft. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass Filvendor noch ein Weilchen mit ihr kommen würde. So zogen sie zu zweit in Richtung Osten. Ein paar Tage später, die Sonne stand bereits im Zenith, sah Aeri eine Staubwolke auf sie zukommen. Es mussten mehrere Gestalten sein, der Größe der Wolke nach zu urteilen. Aeri war einen Augenblick ratlos, Filvendor hatte sich bereits unsichtbar gemacht. Sie beschloss jedoch, auf sich zukommen zu lassen, was auch immer es sein mochte. Bald erkannte sie mehrere Bullywugs, hässlich froschähnliche Kreaturen, auf sich zukommen und wusste, es ging um ihr Leben. Die Kreaturen waren schon sehr nah, Aeri konnte bereits ihren sumpfigen Gestank wahrnehmen, als Aeri einer Eingebung folgend, ihr Amulett gen Sonne streckte und Sharess anrief. Zum ersten Male fühlte sie die Macht in sich aufsteigen und ein prickelndes Gefühl rann ihren Nacken hinunter. Ihr kam urplötzlich ein Bezauberungsspruch in den Sinn und sie schleuderte ihn gegen den stärksten Froschmann. Sie sprach dabei die Worte "Schütze mich". Das Geschick wendete sich, denn der Froschmann baute sich, anstatt sie anzugreifen, vor ihr auf und quakte energisch auf seine Leute ein. Ein Streit brach aus und wenig später eine Rangelei. Aeri schaute sich um, doch sie sah weit und breit keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Doch etwas überkam sie , etwas wie ein Instinkt sagte ihr: "du bist schneller als die Bullywugs!" und sie merkte, wie sich etwas in ihr regte. Sie verwandelte sich! Es ging sehr schnell und es war kein Schmerz, sondern nur Erregung und Wohlgefühl zu spüren. Sie spürte den Wind durch ihr neu gewonnenes Fell wehen und floh. Sie rannte und rannte und ließ die überraschten Froschleute schnell hinter sich. Sie roch ein paar Mäuse, die vor davonliefen und sah und hörte Dinge, die selbst für scharfe Elfensinne zu weit entfernt sein mussten. Sie war der Panther und entschied instinktiv, immer weiter und weiter zu laufen. Weiter und weiter, bis sie Flügelschläge hörte und ein aufgeregtes " Warte, Warte auf mich!" Erst da hielt sie an und verwandelte sich zurück in die wunderschöne Elfin. Schwitzend und schwer atmend fragte sie den Feenkobold ungläubig: "Was ist mit mir passiert?"
Von diesem Tage an hielt Aeri jeden Morgen eine aufwendige Zeremonie ab, indem sie singend um ihr Lagerfeuer herumtanzte und sich, sofern sie es an dem jeweiligen Tage noch nicht getan hatte, in den schwarzen Panther, dem Wahltier ihrer Göttin, verwandelte. So huldigte sie ihrer Göttin, Tag für Tag.
Als die beiden Gefährten die Anfänge des Vergessenen Waldes erreichten, waren sie bereits dicke Freunde. Sie alberten und tanzten und sangen und musizierten. Dies war das Leben, welches Aeri leben wollte, ein unbeschwertes Leben, indem man sich selten Sorgen zu machen brauchte, indem man munter in den Tag hinein leben konnte, in dem sich jeden Tag neue Welten auftaten und indem man der Göttin Freude machen konnte.
Doch selbst die unbeschwertesten Leute holt der Ernst des Lebens eines Tages wieder ein. Denn eines Tages war der Schlangentempel in Sicht. Filvendor versprach, Aeri zu helfen. Er versicherte ihr, einige "mächtige Inkarnationen parat" zu haben. Sie warteten, bis die Sonne untergegangen war (denn die Nacht ist die Zeit der Katzen,) und schlichen sich dann, Aeri in der Gestalt der geschmeidigen Großkatze, in Richtung Tempel. Zwei Yuan- Ti bewachten den Eingang ins Innere. Nummer 1 spürte bald darauf einen kurzen Nadelstich im Nacken und schlief auf der Stelle ein. Das Schlafgift auf dem winzigen Feenkoboldpfeil hatte gewirkt. Bevor Nummer 2 sich wundern konnte, kam ein schwarzer Schatten über ihn und verbiss sich in seiner Kehle.
Auf ging es in den Schlangenbau, von Schatten zu Schatten springend, vorbei an vielen Yuan- Ti- Jüngern, denen nichts weiter auffiel als ein weiterer Luftzug im Gang. Fast endlos schienen die Gewölbe im Tempel und Aeri und Filvendor dachten bereits, sie hätten sich verirrt, als sie endlich den Altarraum erreichten, in dem ein einzelner menschlicher Priester vor dem schlangenähnlichen Altar niederkniete. Das war die Gelegenheit, dachte Aeri. Sie schürte ihren Hass auf alle Schlangen, jene abscheulichen Wesen, die ihr ihre Familie genommen hatten.
Sie verwandelte sich zurück in die Elfengestalt und ließ leicht bekleidet die göttliche Melodie durch sich hindurchströmen. Ihr kam eine Melodie in den Sinn, die eine Art Einflüsterung sein musste und sprach den Priester direkt an.
Erschrocken und in seinen Gebeten drehte sich der Anhänger Seths um. Säuselnd und sich lasziv bewegend, schritt Aeri auf ihn zu. "Ich mache dir einen Vorschlag, Priester. Warum kommst du nicht zu mir 'rüber und wir werden ein wenig Vergnügen in deinen schwierigen Alltag bringen ?!" Es dauerte eine Weile, scheinbar kämpfte der Mensch gegen den Zauber an und Aeri befürchtete bereits das Schlimmste, doch dann entgegnete der Priester lüstern: " Nichts lieber als das, Weib!" Als er vor Aeri niederkniete und anfing, an ihrer Kleidung herumzufingern, zog Aeri blitzschnell einen ihrer verborgenen Dolche und schnitt ihm mit einer einzigen tödlichen Bewegung die Kehle durch. Sie nahm sein Amulett, eine goldene Anaconda, an sich.
Nun kam der schwierigste Teil des "Besuchs": der Rückzug. Sie konnte sich nun nicht mehr in die Katze verwandeln, zumindest nicht an diesem Tage.
Es kam ihr jedoch plötzlich noch eine andere Möglichkeit in den Sinn. Sie strengte ihren Verstand an, es stürmten bereits die ersten Jünger in den Altarraum. Sie spürte wieder, wie sie sich verwandelte, diesmal jedoch in etwas viel kleineres. Sie bemerkte, dass sie vom Boden abhob und sie fühlte sich leicht. Graziös und schnell wie ein elfischer Pfeil schoss sie an den Yuan- Ti vorbei, durch die Gänge, in die dunkle Nacht. Sie flog höher und höherund fühlte sich freier als je zuvor….
Es dauerte eine Weile, bis sie sich daran erinnerte, dass Filvendor nicht so schnell sein würde wie sie und sie flog ein paar Warteschleifen. Bald hörte sie jedoch eine vertraute Stimme rufen: "Potzblitz, Aeri, du bist ein Falke!"
Der Rückweg verlief ohne weitere Zwischenfälle und in den Südwäldern trennten sich die beiden Gefährten wieder voneinander. Sie versprachen sich allerdings, dass sie sich zum Fest der Sommersonnenwende wiedertreffen würden und wussten, dass dies eine feste Freundschaft geworden war.
Zurück in Dolchfurt waren alle sehr überrascht, dass Aeri diese schwierige Aufgabe in so kurzer Zeit bewältigen konnte.
In einer großen Zeremonie wurde sie Sensate der Göttin der Lust. Diese Nacht verbrachte sie mit dem Bootsmacher Dekoran, einem äußerst starken ehemaligen Abenteurer. Sie war glücklich, denn sie stand in der Gunst von Sharess….
Zwei Monde später reiste Aeri entlang der großen Straße Richtung Osten. Es gelüstete ihr nach Freiheit, neuen Bekanntschaften und Abenteuern. Sie schaute nicht zurück, ihr Blick war nach vorn gerichtet, in froher Erwartung dessen, was ihr als nächstes wiederfahren würde….